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Logbuch

17.11.2008 – Der Eisbärenknast

Pünktlich wie wir Deutschen sind, treten wir um kurz vor neun am Eisbärenknast an, um die Freilassung der Tiere bzw. deren Ausfliegen zu filmen. Es ist kein Mensch da. Also bauen wir schon mal unser Equipment auf und warten. Nichts passiert. Bis ein PBA-Beamter vorbeifährt und erklärt, dass die Bären aus dem Compound doch nicht ausgeflogen werden. Begründung: Das Wetter am Zielort, weit draußen auf dem Eis, sei zu schlecht für Hubschrauber-landungen. Wir rufen Shaun an um herauszufinden, ob es einen Alternativtermin gibt, aber unser lachender Beamter hat heute frei. Macht nichts, entscheiden wir, weil Markus vor meiner Ankunft bereits das Ausfliegen eines großen Männchens gefilmt hat. Also werden wir, schließlich sind wir beim Film, das Ganze so türken, dass es aussieht, als wäre ich dabei gewesen. Gesagt, getan. Matthias und ich stellen uns nebeneinander vor den Eisbären-Knast und tun nun so, als würden wir das Verladen des Tieres, das Abheben des Helikopters und seinen Abflug beobachten. Markus dreht nun den so genannten Gegenschuss, der später am Schneidetisch so mit der Ausflieg-Aktion zusammengeschnitten wird, dass kein Mensch merkt, dass ich gar nicht dabei war. Also koordinieren Matthias und ich unsere Blicke auf den nicht vorhandenen, betäubten Bären in seinem nicht vorhandenen Netz, beobachten, wie das Netz am nicht vorhandenen Hubschrauber befestigt wird, folgen mit unseren Augen dem Abheben des imaginären Hubschraubers und sehen ihm besorgt nach, wie er mit seiner raren Fracht im arktischen Himmel gen Norden verschwindet. Das Ganze kommentiere ich mit ein paar betroffenen Sätzen, und als Markus hinter seiner Kamera »Danke! Reicht!« ruft, lachen wir uns erst mal kaputt.

Nächster Drehort ist die Prärie außerhalb der Stadt. Wir fahren zum Sammelplatz der »Tundra Buggy Tour«, eine halbe Stunde von Churchill entfernt. Hier werden sämtliche Touristen hingekarrt, die die lange Reise nach Churchill angetreten sind, um einmal im Leben Eisbären in ihrem Habitat, der arktischen Wildnis, beobachten, bestaunen, filmen, fotografieren und anderweitig belästigen zu können. Wir sind die Ersten und finden mitten in der endlosen Weite einen riesigen Fuhrpark mit abenteuerlich aussehenden, weiß gestrichenen Monster-bussen vor. Zehn auf Big Wheels, diesen überdimensionierten Riesenreifen, wie man sie aus dem Bergbau kennt, aufgebockte umgebaute Schulbusse warten hier mit selbstverständlich laufenden, laut dröhnenden alten Dieselmotoren auf den Touristenandrang. Es ist so laut, dass ich mich mit Judith und Markus nur brüllend verständigen kann. Am Heck jedes Busses ist eine mit brusthohen Metallwänden gesicherte Aussichtsplattform montiert, vermutlich als eine Art fahrender Hochsitz für Hobbyfotografen.

Eine Gruppe von ca. 30 zumeist jungen Guides und Fahrern wieselt herum wie eine Armee von Marshmallow-Männchen: Ganze Paletten von Styropor verpackten Lunchpaketen und kleinen Plastik-Wasserflaschen werden an Bord geschafft, die Busse werden gefegt, geputzt, gewartet. Überall am verschneiten Boden sind große Lachen von schwarzem Dieselöl und pinkfarbener Servolenkungsflüssigkeit, und der Dieselqualm aus den Auspuffen der Monster-Trucks verschlägt einem den Atem. Die Sprache auch, weil ja hier angeblich alles ganz besonders umweltbewusst, nachhaltig, CO2- und bärenfreundlich betrieben wird. Es darf wieder mal gelacht werden, auch ohne Shaun.

Wir filmen die ganze Schweinerei und warten auf die Ankunft der Touris. Die kommen wenig später, ebenfalls in einem langen Konvoi alter Kleinbusse aus ihren diversen Hotels. Schnatternd, behangen mit Kamera-Equipment und dick eingepackt, klettern sie von den kleinen Dreckschleudern in die großen. Einige haben sich in Churchill bereits niedliche Mützen gekauft, mit Eisbärengesicht, Ohren, schwarzen Augen und Schnauzen darauf, und sehen aus wie Kölner Karnevalisten im Eisbär-Kostüm. Lächerlich ist gar kein Ausdruck. »They’re so cute! Where’d you get them?«, quietscht eine betagte Touristin, die noch nicht im Besitz dieses süßen Requisits ist. Es dauert eine Weile, bis alle ihre Busse und Plätze gefunden und eingenommen haben.

Markus ist so angefressen, dass er keine Lust mehr hat, mitzufahren. Ich gebe ihm recht. Abgesehen von der fragwürdigen Veranstaltung, die ganz nebenbei schweineteuer ist, dürfte es ein Ding der Unmöglichkeit werden, im Bus auch nur eine Bären-Aufnahme zu drehen, ohne dauernd die penetrant gut gelaunten Mitfahrer im Bild zu haben oder sie im Hintergrund schnattern zu hören.

Anstatt der absurden Foto-Safari besuchen wir als Nächstes das »Northern Study Center«, einer Art Außenstelle der Universität von Winnipeg. In dem schmucklosen flachen Bau teilen sich Wissenschaftler und Umweltorganisationen diverse Büros. Wir wollen hier eine Biologin interviewen, die, finanziert von der britischen Umweltorganisation »Born Free«, ein sensationelles Eisbär-Projekt betreibt: Während unserer Recherche lasen wir, dass Kimberly Darson, so heißt die Dame, es geschafft hat, verwaiste Eisbären-Babys an »kinderlose« Eisbärenweibchen zu vermitteln. Eine Art Adoptionsprogramm zur Arterhaltung. Das klang in unseren Ohren nach sensationellem Filmmaterial, herzerwärmend, unendlich süß, quoten-trächtig. Wir klopfen an der Eingangstür. Keine Antwort. Ich öffne die Tür, sie ist nicht verschlossen. Vorsichtig »Hello?« rufend, betreten wir den Empfangsraum, die ersten Büros – kein Mensch weit und breit. Und keine Antwort auf unser: »Anybody here?« In einem winzigen Büroraum entdecken wir eine mausgraue, bebrillte Mitt-Dreißigerin, die sich gerade einen Kaffee gönnt. Ich begrüße sie höflich. »Excuse me, we’re supposed to meet a biologist here named Kimberly. Would you know, whether she’s around?« Die Dame guckt mich misstrauisch an. »Yes?«, gesprochen wie ein schlecht gelauntes »Ja, und?«. Ich erkläre, dass wir mehrfach angerufen hatten und einen Termin mit Mrs. Darson haben. »Well, you’re late!« Ich gucke auf die Uhr. Stimmt, wir sind eine halbe Stunde zu spät. Mir dämmert, dass die Charme-Offensive vor mir Kimberly Darson sein muss. Ich entschuldige mich für die Verspätung, fasele etwas darüber, wie großartig wir ihr Projekt finden, wie gerne wir sie interviewen würden und gegebenenfalls ihre Schützlinge, soweit möglich, filmen möchten. Frau Darson betrachtet mich, als hätte sie soeben sieben Winter hintereinander in Hamburg verbracht und gleichzeitig in eine Zitrone gebissen. Dann lügt sie, sie habe nichts davon gewusst, vor laufender Kamera interviewt zu werden (das hatten wir per E-Mail mehrfach angekündigt), und überhaupt sei sie nicht befugt zu reden, ohne vorher mit ihren Financiers von »Born Free« in England zu sprechen. Ich versuche alles, um sie umzustimmen. Quetsche ein paar mickrige Informationen aus ihr heraus, aber sie weigert sich eisern, vor der Kamera zu reden. Bei der Frage, wie viele Adoptionen von Eisbär-Babys geglückt seien, windet sie sich. Und sagt nach längerem Nachbohren: »Well, one so far.« Aha. Scheint ja ein Erfolgsprojekt zu sein. Markus hat schon lange die Nase voll von Kimberlys Gezicke und will gehen. Ich mache noch einen letzten Versuch, lasse diskret einfließen, welch großartige Werbung unser Film doch für sie und ihre Organisation sei, wie spendabel das deutsche Fernsehpublikum ist, vor allem wenn es um Tierschutz geht, und dass wir die lange Reise von Deutschland nach Churchill nur auf uns genommen haben, um etwas für ihre Schützlinge zu tun! Aber Kimberly verbleibt beim Charme einer Trockenpflaume. Ich verabschiede mich, wünsche viel Glück für ihr Projekt und folge Markus nach draußen. Politisch korrekt wie immer formuliert Markus die These, dass es hier oben in Churchill schwer sein muss, nette, der Ausgeglichenheit und guten Laune förderliche Vertreter des männlichen Geschlechts auftreiben zu können. (Ich formuliere das jetzt in Übersetzung. Das bayrische Original war wesentlich prägnanter und witziger, aber leider nicht druckfähig.) Und ich stimme ihm bei. Einer Stimmungskanone wie Kimberly waren wir bei unseren bisherigen Drehs noch nicht begegnet. Im Gegenteil: Selbst Leute, die wir vor unserer Kamera in die Pfanne hauen und bloßstellen wollen, werden beim Anblick einer TV-Kamera in der Regel erstaunlich redselig und kooperativ. But not Kimberly-Baby! Es ist sonnenklar, was »BornFree« hier treibt: Man kreiere ein Scheinprojekt, das so emotional und rührend klingt, dass der Geldbeutel des Spenders sich möglichst weit öffnet. Die Broschüre von »Born Free«, die wir bei der Recherche studiert hatten, war so brillant geschrieben und bebildert, dass selbst wir darauf reingefallen sind.

Das machen leider viele Organisationen. Dass der Besuch bei Kimberly Darson ein Flop war, beunruhigt uns nicht sonderlich. Am Nachmittag steht nämlich ein Projekt auf unserer Liste, das nicht nur großartige Bilder verspricht, sondern auch die Begegnung mit einem eigensinnigen Hundezüchter namens Brian. Den hat Markus in der vergangenen Woche schon besucht und für heute einen Drehtermin vereinbart. Brian ist wohl der einzige in Churchill, der Dinge beim Namen nennt und offen sagt, dass Eisbären hier nur als Gelddruckmaschinen dienen. Für den nachhaltigen Schutz der Tiere engagiere sich hier kein Mensch, weder seitens der Regierung noch der Bewohner.

Da wir erst gegen 16 Uhr bei Brian sein sollen, bleibt Zeit für ein Lunch im »Gypsies«. Wir fragen die Portugiesen und andere Einheimische, ob sie je etwas von Kimberly Darson und ihrem »Born Free«-Adoptions-Projekt gehört hätten. Allgemeines Schulterzucken. Bei der Beschreibung des Adoptionskonzeptes wird wahlweise gelacht oder der Vogel gezeigt. Keine Eisbärenmama der Welt würde je ein fremdes Baby annehmen. Eher würde sie es auffressen. Oft genug lassen die Weibchen ja sogar die eigenen Jungen im Stich, wenn die Nahrung für den Nachwuchs nicht ausreicht. Wie wir vermutet hatten, ist das Ganze also ein reiner PR-Gag um Spenden zu zocken.

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